Einleitung

Wenn es darum geht, die eigene Position zu diversen Themen zu verargumentieren, stellt sich immer die Frage, worauf man den Fokus legt. Wie man seine Argumente aufbaut, welche Blickwinkel man wählt, um den eigenen Standpunkt als stark und schlussendlich als wahr zu verargumentieren. Bei komplexen Themen wie gesellschaftlichen Entwicklungen und ihren Folgen ist dieser Aspekt besonders wichtig, da diese viele verschiedene Winkel haben können, von denen aus man sie betrachten kann.

Hier möchte ich auf einen argumentativen Schwachpunkt eingehen, den ich insbesondere häufig bei Technologie-Kritik wahrnehme. Jedoch taucht er in vielen anderen Bereichen ebenfalls auf. Ich werde erklären, was dieser Schwachpunkt ist, wieso ich ihn überhaupt als solchen empfinde und somit als problematisch ansehe, wie man ihn umgeht sowie was das für den eigenen Standpunkt bedeutet.

Der Schwachpunkt ist es, Aspekte zu kritisieren, welche sich, solange die gesellschaftliche Bewegrichtung gleich bleibt, erübrigen werden. Wenn die Bewegrichtung Fortschritt ist, wie das in unserer technologischen Zivilisation offenbar der Fall ist, ist es problematisch, zu argumentieren, dass etwas technische Probleme hat. Denn diese werden, gegeben genug Zeit und Energie, ausgemerzt werden. Zudem sind solche Aspekte in den allermeisten Fällen nicht das Kernproblem, welches man eigentlich kritisieren möchte.

Beispiele

Überwachung

Als gutes Beispiel dient Überwachung im öffentlichen Raum, beziehungsweise Überwachung allgemein. Oftmals wird argumentiert, dass diese schlecht sei, weil sie viel Geld kostet, aber sehr wenig bis gar nichts bringt. Wenn man gegen Überwachung im öffentlichen Raum ist, hat das jedoch meist tiefliegendere und fundamentalere Gründe als eine Angst, der Staat würde sein Geld nicht maximal effizient nutzen. Indem man jedoch ein Argument nutzt, welches auf Effizienz fußt, öffnet man die Tür für Gegenargumente, die mit technologischem Fortschritt argumentieren, dass auch Überwachung im öffentlichen Raum stets billiger werde und dadurch die geringe Effizienz dank geringer Kosten trotzdem in einem positiven Kosten/Nutzen-Verhältnis stehen werde.

Der Standpunkt war es jedoch, Überwachung zu kritisieren, nicht nur ineffiziente Überwachung. Demnach erscheint es klar, warum diese Herangehensweise problematisch ist und den eigenen Standpunkt letztendlich verfehlt.

Ein weiteres Argument, welches oft aufkommt, wenn es um Überwachung geht, ist, dass sich Menschen anders verhalten, wenn sie überwacht werden. Beispielsweise denken sie nicht frei und zensieren sich selbst häufiger. Da freies Denken in unserer Gesellschaft prinzipiell als etwas Positives wahrgenommen wird, Überwachung dieses aber unterbindet, sei Überwachung schlecht. Zeigt aber dieses Argument bei genauerer Betrachtung nicht dieselbe Schwachstelle auf wie das letzte? Worauf es fußt, ist das Wissen der Bürger, dass sie überwacht werden. Und auch hier ist es möglich, ein Gegenargument mit Fortschritt als Basis entgegenzustellen: je subtiler, effizienter und unsichtbarer Überwachung wird, desto weniger beeinflusst sie Menschen in ihrem Denken, da sich Menschen ihrer zunehmend weniger bewusst sind. Offensichtlich verfehlt auch dieser Punkt den eigentlichen Standpunkt gegen Überwachung. Und auch hier spielt Effizienz die entscheidende Rolle.

Wie könnte man stattdessen einen Anti-Überwachungs-Standpunkt verargumentieren? Die wohl sinnvollste und stabilste Argumentationslinie ist eine, welche auf Prinzipien beruht und aufbaut. Gleichzeitig ist das mitunter eine der schwierigsten Positionen, da sie gegebenenfalls die Werte des Status Quo ablehnt. Beispielsweise die Ansicht, dass alles besser und effizienter werden soll.

Konkret könnte das wie folgt aussehen: Man lehnt Überwachung ab, weil es ein zu mächtiges Mittel an Kontrolle über die Gesellschaft darstellt. Dieser Punkt ist meiner Ansicht nach der fundamentale im Thema Überwachung. Das Schaffen des Potenzials für ultimatives Wissen, und dadurch auch Macht, über jedes Individuum, und demnach auch über die Gesellschaft, ist meines Empfindens nach der wahre Grund, warum die meisten, bewusst oder unbewusst, Überwachung ablehnen. Diese Argumentationslinie kann man auch nicht durch Argumente des Fortschritts und der Effizienz kontern — denn nur der Rückschritt, also das Abbauen von Überwachung, geht in die Richtung von weniger gesellschaftlicher Kontrolle. Alles andere geht in die Richtung, welche man meint zu kritisieren.

Natürlich muss man dann weiter argumentieren, warum zunehmende gesellschaftliche Kontrolle etwas Negatives ist. Zusätzlich wird man bei diesem, sowie bei weiteren Themen, die sich um Technologie-Kritik drehen, legislative Argumente hören. Also sowas wie, dass man ja Gesetze verabschieden könnte, welche garantieren, dass Überwachung nur für „Gutes“ und nicht für „Schlechtes“ genutzt werden wird. Die beiden Punkte, warum Gesetze bei solchen Entwicklungen auf lange Sicht irrelevant sind, und warum es nicht möglich ist, nur die „guten“ Seiten einer Technologie zu nutzen, sollen an anderer Stelle analysiert werden.

Der andere wichtige Aspekt ist, mit Gegenargumenten umzugehen, wie beispielsweise „Aber wenn wir nicht einen gewissen Grad an Überwachung hätten, gäbe es mehr Kriminalität“. Hierbei ist es aus meiner Sicht wichtig, sich nicht auf einen Zahlen- und Effizienzkampf einzulassen. Das ist nämlich ein Punkt, an dem das Wertesystem des Mainstreams mit dem eigenen in Konflikt steht. Hier ist es konkret der Wert, oder das Ziel, im Hier und Jetzt Kriminalität zu reduzieren, was erst einmal nach einem noblen und guten Ziel klingt. Aber wie heißt es so schön: „The road to hell is paved with good intentions.“ 1 Indem man sich auf die Symptomreduktion fokussiert und Ursachenbehandlung fast vollständig ignoriert, erreicht man bestenfalls einen kurzfristigen Erfolg. Auf lange Sicht scheint es jedoch oftmals so, als würden die unbehandelten Ursachen noch schlimmere Symptome hervorbringen. Was die gesellschaftlichen Gründe für einen Anstieg an Kriminalität sind, sprengt wohl den Rahmen dieses Artikels.

Eine sinnvolle und standhafte Kritik von Überwachung sollte also den Kontext der Thematik miteinbeziehen und kritisieren. Dieser Ansatz lässt sich auf die meisten anderen Themen übertragen. Um das zu zeigen, sollen hier ein paar andere Themen angerissen werden.

Corona-Maßnahmen

Bei den Corona-Maßnahmen gibt es hauptsächlich zwei Aspekte, die man meiner Ansicht nach umgehen sollte: einerseits das Argumentieren mit Zahlen und allgemein der Situation, und andererseits eine Diskussion um die Effizienz der gewählten Maßnahmen. Wenn man mit Zahlen argumentiert wird die Diskussion oftmals sehr schnell subjektiv, wie in Aussagen wie „Jeder der daran stirbt, ist zu viel!“, oder endet sogar in extremen Positionen wie „Zero-Covid“. Man läuft außerdem Gefahr, vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen. Insbesondere auch, weil man nicht nur mit den Zahlen und deren Auslegung argumentieren muss, sondern auch, ob die erhobenen Statistiken überhaupt der Wahrheit entsprechen. Zudem sollte erwähnt werden, dass Zahlen in mündlichen Debatten meist kaum einen Einfluss haben. Auch die Situation an sich ist nur teilweise relevant. Diskussionen wie, ob es einen Virus (oder Viren allgemein) gibt, sollte man meiner Ansicht nach aus allgemeinen Argumenten gegen Corona-Maßnahmen herauslassen. Einerseits, weil man in diesen Themen aufgrund ihrer Komplexität nie 100%ige Sicherheit haben kann. Andererseits auch, weil solche Ansichten teilweise Gefahr laufen, sehr weit von der Weltanschauung des Mainstreams entfernt zu sein. Man verliert dadurch Anschlussfähigkeit — und das unnötigerweise. Bei der Effizienz von bestimmten Maßnahmen ist es wieder primär eine Frage des technologischen Fortschritts. Und auch hier kommt es oft vor, dass man sich in sinnlosen Seitengassen-Diskussionen verläuft. Wie viel Kontaktnachverfolgung oder eine Impfung bringen, ist für die allgemeine Diskussion rund um die Corona-Maßnahmen größtenteils irrelevant, so zumindest meine Ansicht. Ein Kernproblem der Corona-Maßnahmen ist, dass dem Individuum Macht über das eigene Leben und die eigene Gesundheit entzogen wurde — und das, ohne Möglichkeit auf Mitsprache gehabt zu haben. Dass man das als Problem sieht, hängt natürlich mit fundamentalen Überzeugungen und gewissen Grundwerten, die man hat, zusammen. Dieser Betrachtungswinkel hält nicht nur bei den Corona-Maßnahmen stand, sondern würde auch bei echten Pandemien greifen. Auch hier sieht man wieder einen gewissen Zwiespalt zwischen dieser Ansicht und der des Mainstreams. Damit hängen jedoch noch sehr viele weitere Aspekte zusammen. Denn wenn man annimmt, dass die eigene Gesundheit etwas ist, das jeden einzelnen persönlich betrifft, und nicht etwas ist, das von oben diktiert und festgelegt werden soll oder darf, dann ist man natürlich auch mit dem Fakt konfrontiert, dass Individuen immer von der umgebenden Kultur geprägt sind. Dass unsere Kultur Gesundheit nicht als eines ihrer Hauptziele hat, scheint offensichtlich. In Kurz also: das Problem an den Corona-Maßnahmen war, dass den Menschen ihre Mündigkeit und Macht über die eigene Gesundheit entzogen wurde, nicht, dass die Maßnahmen ineffizient waren oder dass die Pandemie nicht so schlimm wie behauptet war.

Digitales Geld

Die Digitalisierung des Geldes ist ein weiteres Thema, wo diese Schwachstelle oftmals präsent ist. Zu sagen, digitales Geld sei schlecht, weil es unbequemer ist, es zu technischen Problemen kommen kann oder es unintuitiv ist, ist kein sonderlich starkes Argument. Denn all diese Dinge werden stets verbessert. Das Kernargument ist auch hier die Kontrolle. Denn digitales Geld erlaubt ein derartig hohes Ausmaß an Kontrolle, welches bei Bargeld oder Edelmetallen schlichtweg unmöglich ist 2. Und dadurch verringert es Freiheit. Das sollte der Kern des Arguments sein, wie bereits an anderer Stelle ausführlich von mir erläutert wurde.

E-Mobilität

Zu guter Letzt möchte ich noch auf das Thema E-Mobilität kurz eingehen. Zwei der häufigsten Kritikpunkte sind, dass E-Fahrzeuge eine geringere Reichweite haben und lange zum Laden brauchen. Diese beiden Punkte sind offenbar eine Frage des technologischen Fortschritts. Je mehr unsere Zivilisation technologisch fortschreitet, desto effizienter werden diese Aspekte werden und desto schwächer wird diese Linie der Argumentation. Natürlich ist auch der Punkt der Verkehrssicherheit der gleichen Problematik untergeordnet. Also beispielsweise zu sagen, dass E-Fahrzeuge schlecht sind, weil das Risiko besteht, dass sie in Flammen aufgehen, oder die automatische Lenkung zu Unfällen führt, ist keine zukunftsbeständige Argumentation3. Bei E-Mobilität ist meiner Ansicht nach ein Kernargument die erhöhte Abhängigkeit von Infrastruktur und Institutionen. Und dadurch letztendlich verminderte Freiheit. Dass man mehr und hochtechnologischere Infrastruktur für E-Mobilität benötigt, im Vergleich zu Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor, scheint klar, da man nun beispielsweise ein Stromnetz aufrechterhalten muss. Aber die Abhängigkeit von Institutionen ist das eigentliche Kernargument, denn Abhängigkeit von Infrastruktur ist letztendlich auch nur eine Abhängigkeit von den Institutionen, die diese betreiben. Zusätzlich ist man auch was Reparatur und Wartung angeht zunehmend von Institutionen abhängig. Und das nicht zwangsweise, weil diese gierig sind und mit bösen Hintergedanken Dinge weiter zentralisieren — obwohl das sicher ein Aspekt ist. Sondern primär, weil technologischer Fortschritt mit einer Zentralisierung einhergeht. Zudem haben diese Institutionen zunehmend mehr Kontrolle über E-Fahrzeuge an sich.

Zusammenfassung

In diesem Artikel wurde eine von mir häufig beobachtete Argumentationsschwachstelle beleuchtet, welche sich bei vielen Themen wiederfinden lässt. Außerdem wurde aufgezeigt, wie man diese Schwachstelle vermeidet und womit man stattdessen argumentieren kann. Zudem wurden mehrere Beispiele gegeben, wie solch eine Argumentation bei spezifischen Themen aussehen könnte. Es ist meine Hoffnung, dass der Leser diesen Artikel als Anstoß nutzt, um sich seine eigenen Standpunkte und Meinungen klarzumachen. Mag man E-Fahrzeuge nur nicht, weil sie nicht so weit fahren können, oder hat man Sorge um die zunehmende Zentralisierung, die diese Technologie mit sich bringt? Ist man gegen die Digitalisierung des Geldes, weil man es unbequemer findet, oder tangieren einen die schwerwiegenderen gesellschaftlichen Folgen? War man nur wegen der gefälschten Zahlen gegen die Corona-Maßnahmen oder aus Prinzip? Und stört Überwachung einen nur wenn man direkt damit konfrontiert wird, oder will man nicht in einer totalüberwachten Gesellschaft leben, selbst wenn man davon erst einmal nichts mitbekommen würde? Diese und weitere Fragen kann und sollte man sich selber stellen. Denn nur wenn man sich selbst im Klaren ist, wieso man eine gewisse Meinung gegenüber einem Thema hat, kann man effektiv argumentieren und seinen Ansichten entsprechend konsequent denken, handeln und leben.

Fußnoten

1 übersetzt etwa „Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Intentionen.“

2 Kryptowährungen wie Bitcoin oder Monero müssen nochmal separat betrachten werden, hier geht es primär um Giralgeld und digitale Zentralbankwährung (CBDC)

3 Zumindest nicht ohne weiteres. Was man jedoch sehr wohl verargumentieren kann, ist, dass erhöhte Komplexität zu erhöhter Fragilität führt. Auch das soll an anderer Stelle vertieft werden.